• Beitrags-Kategorie:Aktuelles
  • Lesedauer:9 min Lesezeit
You are currently viewing Zwischen Rekordhitze und Starkregen: Was hat El Niño mit dem österreichischen Weinbau zu tun?

Zwischen Rekordhitze und Starkregen: Was hat El Niño mit dem österreichischen Weinbau zu tun?

2023/24 ist ein „El Niño“-Jahr. Die Auswirkungen des Klimawandels werden dadurch teilweise zusätzlich verstärkt. Eine Studie von Nature bestätigt: Mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit werden im Jahr 2024 weltweit Temperaturrekorde geknackt. Besonders stark betroffen sind der Golf von Bengalen, das südchinesische Meer, Alaska, die Karibik und das Amazonasgebiet.

Doch was bedeutet dieses Klimaphänomen für Österreich? Gibt es Grund zur Beunruhigung? Und wie steht es um das Weinjahr 2024?

Exkurs in den Südpazifik

El Niño (spanisch für „das (Jesus)kind“) ist eine besondere Abweichung im System der südpazifischen Meeresströmungen. Sie tritt unregelmäßig auf – meist jedoch im Abstand von ca. vier Jahren, mit Höhepunkt rund um die Weihnachtszeit. Auch wenn man außerhalb des Geographieunterrichts in der Schule kaum davon hört, nimmt das Phänomen teilweise extremen Einfluss auf globale Wettermuster und insbesondere auf die Südhalbkugel. Ein besonders starkes El Niño-Ereignis gab es zum letzten Mal 2015/16.

Die Auswirkungen fallen regional sehr unterschiedlich aus: An der Süd- und Nordamerikanischen Westküste kommt es häufig zu Starkregen und Überschwemmungen, im Amazonasgebiet herrscht dagegen Trockenheit, und auch im südlichen Afrika ist regional mit Dürre zu rechnen. Weitere Auswirkungen umfassen etwa Buschfeuer in Australien oder ein Massensterben von Korallen, Plankton und anderen Meerestieren.

Europa ist im Normalfall kaum direkt von den Auswirkungen des El Niño betroffen. Erhöht sich in einem El Niño-Jahr jedoch die globale Durchschnittstemperatur – und damit auch die Meeresmitteltemperatur – so ist auch hier ein Zusammenhang mit Extremwetterereignissen möglich.

Komplexe Klimaforschung

Tatsache ist jedoch: El Niño ist ein extrem komplexes Phänomen, und gerade der Zusammenhang mit dem Klimawandel ist aktuell noch nicht ausreichend erforscht. Zwar kann nach einem El Niño-Ereignis die Temperatur im Norpazifik durch das dorthin strömende, warme Wasser ansteigen. Doch auch vor Beginn des El Niño im vergangenen Sommer war die Meeresmitteltemperatur im Atlantik und im Mittelmeer schon deutlich erhöht – extreme Hitze plagte wochenlang den Süden Europas, während die Bewohner der Alpen von Starkregen und andere Extremwetterereignissen wie Hagel und Stürmen in Atem gehalten wurden.

Neben Hitze und Trockenheit, die für Mensch und Landwirtschaft eine Belastung bilden, sind es vor allem diese Extremwetterereignisse, die durch ihre Wucht nachhaltig im Gedächtnis bleiben. Häufig sind sie mit immensen finanziellen Schäden verbunden – auch im Weinbau. Extreme Hagelereignisse können eine Ernte vollständig vernichten, Starkniederschläge die Weinberge erodieren, Stürme die Reben beschädigen.

Fakt ist: Wärmer wird es durch den Klimawandel (im Durchschnitt) so oder so.

Ob nun El Niño oder der Klimawandel an sich die Schuld an den erhöhten Meerestemperaturen und ihren Folgen in Form von Extremwetter tragen, ist dann vielleicht gar nicht mehr so wichtig. Fakt ist: Wärmer wird es durch den Klimawandel (im Durchschnitt) so oder so.

Drohendes Extremwetter (Foto: pixabay/DerTobiSturmjagd)
Hagelkörner – hier noch vergleichsweise klein (Foto: pixabay/DerTobiSturmjagd)

Das Auftreten von Extremwetterereignissen genau zu prognostizieren, ist nach wie vor extrem schwierig. Das bestätigt auch Mag. Christian Salmhofer vom Klimabündnis Österreich: „Wenn sich die Meeresmitteltemperatur um 1° C erhöht, bedeutet das 7 % mehr Wasserdampf in der Atmosphäre“, erklärt der Experte. „Die Frage ist dann: An welchem Alpenkamm regnet sich das ab?“

Niederschlag ist ein kleinräumiges Phänomen, und Extremwetterereignisse sind – im Übrigen genau wie El Niño – immer für eine Überraschung gut. Anzunehmen ist, dass Häufigkeit und Intensität von extremem Wetter im Durchschnitt weiter zunehmen. Das gilt – sofern sich beim menschengemachten Klimawandel keine Trendumkehr abzeichnet – für den kommenden Sommer ebenso wie für alle weiteren. 

Weinbau in Österreich – Profiteur der Klimakrise?

Bei aller Schwere des Themenkomplexes Klimawandel gibt es für den österreichischen Weinbau dennoch eine gute Nachricht. Denn während Weinbauern im südlichen Europa durch die extreme Hitze zunehmend in Bedrängnis geraten, könnte die erhöhte Durchschnittstemperatur in Österreich die Erschließung neuer Weinbaugebiete nach sich ziehen. Diesen Befund stellte 2014 das Austrian Panel on Climate Change (APCC) in seinem Sachstandsbericht zu Klimawandelfolgen in Österreich (S. 501–503). Zwar müssten lokale Standortfaktoren immer berücksichtigt werden, allgemein könnte ein Temperaturanstieg allerdings sogar vorteilhaft für den Weinbau in Österreich sein.

„In den bestehenden Weinanbaugebieten würde sich ein Temperaturanstieg besonders günstig auf Rotweinsorten bzw. auf die Rotweinqualität auswirken. Weißweinsorten, bei denen der Säuregehalt ein wesentliches Qualitätsmerkmal ist, könnten in kühleren oder neuen Anbaugebieten an Qualität gewinnen bzw. in bisherigen Anbaugebieten an Qualität einbüßen.“

APCC (2014: 501)

Ob El Niño oder Klimakrise – zumindest in Sachen Temperaturentwicklung gibt es also durchaus Zukunft für den österreichischen Weinbau. Dass unabhängig davon alles Menschenmögliche getan werden muss, um den Trends der Klimakrise entgegenzuwirken, versteht sich von selbst. Wenn die Existenzgrundlage der Gesellschaft verloren geht, wird ihr auch der beste Wein nichts mehr nützen.


Quellenangabe zum Austrian Panel on Climate Change (APCC)

Lexer, Manfred J., Rabitsch, Wolfgang & Georg Grabherr (2014): Der Einfluss des Klimawandels auf die Biosphäre und Ökosystemleistungen. Österreichischer Sachstandsbericht 2014 – Austrian Assessment Report 2014 (AAR14), Band 2 Kapitel 3. S. 468-538. Online unter https://ccca.ac.at/wissenstransfer/apcc/aar14, aufgerufen am 25.3.2024.